Schwangerschaft: Was geht und was geht gar nicht?

Einen ganz herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Schwangerschaft! Möglicherweise sind Sie jetzt erst einmal sprachlos- vor Glück oder Überraschung. Aber erfahrungsgemäß taucht in den kommenden Tagen eine ganze Reihe von Fragen darüber auf, was in der Schwangerschaft zu beachten ist und was Sie ändern sollten. Deswegen habe ich im Nachfolgenden für Sie die wichtigsten Verhaltensregeln zusammengestellt. Wenn noch Fragen offen bleiben, wissen Sie, dass Sie mich jederzeit ansprechen können.

Ernährung:

Die durchschnittliche Gewichtszunahme beträgt 12-14 kg, welche im Wesentlichen in der 2. Schwangerschaftshälfte stattfindet. Hier beträgt der zusätzliche Energiebedarf ca. 300 kcal/Tag (10-12%). Es sollten die allgemeinen Empfehlungen einer gesunden Ernährung beherzigt werden: Regelmäßig sollten Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, fettarmes Fleisch, Milch, Milchprodukte und fettreicher Meeresfisch aufgenommen werden, selten dagegen Fett mit gesättigten Fettsäuren sowie Süßigkeiten. Verzichtet werden sollte wegen der Toxoplasmosegefahr auf rohes oder nicht durchgegartes Fleisch, rohen Schinken und Mettwurst, ebenso auf Rohmilchprodukte und Weichkäse wegen der Gefahr einer Infektion mit Listerien. Auch roher, gebeizter oder geräucherter Fisch sollte vermieden werden. Allgemein gilt, dass ein Erhitzen der Lebensmittel für min. 2 Min auf über 70° Grad beide Erreger abtötet (www.dge.de).

Der Folsäurebedarf verdoppelt sich in der Schwangerschaft und ist über die Nahrung nicht abzudecken. Daher wird die zusätzliche Aufnahme von 400µg Folsäure/Folat pro Tag empfohlen, mindestens 4 Wochen vor Eintritt der Schwangerschaft und während des ersten Drittels. Auf diese Weise können 70% (!) aller Neuralrohrdefekte (u.a „offener Rücken“ und „Wasserkopf“) vermieden werden.

Des Weiteren sollten täglich 100-200µg Jod zusätzlich eingenommen werden, da es kaum gelingt den um 15 % gestiegenen Jodbedarf über die Ernährung abzudecken (jodiertes Speisesalz, 2x/ Woche Seefisch, Milch und Milchprodukte).

In den meisten Fällen wird ab der 2. Schwangerschaftshälfte eine Eisengabe erforderlich, da sich auch dieser Bedarf in der Schwangerschaft verdoppelt. Ein natürlicher Lieferant ist mageres Fleisch am besten in Kombination mit der Einnahme von Vit. C.

Außerdem besteht ein erhöhter Bedarf an Kalzium und Vit. D (in Lebertran, Fisch sowie Butter und Avocado).

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren haben positive Auswirkungen auf die Gehirnfunktion, die kognitiven Fähigkeiten und das Sehvermögen des Kindes. Diese sind in fettem Seefisch, in Lein-, Walnuss- oder Rapsöl enthalten. Alternativ kann die Aufnahme von 300 mg/Tag ab der 24. SSW angeraten werden. (Ist in vielen Vitaminkombinationspräparaten enthalten.)

Genussmittel:

Wenn Sie spätestens mit Beginn der Schwangerschaft aufhören zu rauchen, können Sie alle nachstehenden Risiken deutlich reduzieren: wiederholte Fehlgeburten, vorzeitige Lösung der Plazenta, vorzeitiger Blasensprung, deutlicher Anstieg der Kindersterblichkeit rund um die Geburt, Verminderung des Geburtsgewichtes, Erhöhung der Frühgeborenenrate. Außerdem werden die krebserregenden Stoffe über den Mutterkuchen an das Kind weitergegeben. Bei Kindern mit in der Schwangerschaft rauchenden Müttern traten Lymphdrüsenkrebs und Leukämien häufiger auf! Auch nach der Geburt kommt es bei diesen Kindern zu Wachstums- und Entwicklungsrückständen.

Auf Alkohol sollten Sie in der Schwangerschaft ganz verzichten, es gibt weder eine ungefährliche Dosis noch einen ungefährlichen Zeitabschnitt. Häufiger und regelmäßiger Alkoholkonsum kann zu schweren körperlichen und geistigen Behinderungen des Kindes führen.

Berufstätigkeit:

Für berufstätige schwangere Frauen gelten in Deutschland die Regelungen des Mutterschutzgesetzes. Die werdende Mutter soll den Arbeitgeber über die Schwangerschaft sobald diese bekannt ist informieren. Der Arbeitgeber hat dann die erforderlichen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz zu treffen und die Aufsichtsbehörde zu informieren. Eine Mitteilung an Dritte ist nicht erlaubt. Soweit vorhanden sollte der Betriebsarzt informiert werden.

Reisen:

Grundsätzlich gilt, dass Schwangere von den meisten Fluggesellschaften bis zum Erreichen der 36. SSW und bei Zwillingen bis zur 32. SSW befördert werden. Ein erhöhtes Fehl- und Frühgeburtsrisiko –durch verminderten Sauerstoffgehalt und kosmische Strahlung- besteht nur bei sehr häufigen und langen Flügen, was meist nur Flugbegleiterinnen betrifft.

Die Risiken von Reisen in exotische Länder sollten nicht unterschätzt werden, da mögliche Infektionserkrankungen  bei Schwangeren grundsätzlich ernster verlaufen können. Hier können rechtzeitige Impfungen schützen. Im ersten Schwangerschaftsdrittel sollte jedoch auf jegliche Impfungen verzichtet werden, da Fieber als mögliche Impfreaktion das Fehlbildungsrisiko erhöht. Außerdem ist von allen Lebendimpfungen abzuraten.

Reisedurchfälle können bei Schwangeren zu frühzeitigen Wehen und durch den Flüssigkeitsverlust schneller zu mütterlichen Schockzuständen und verschlechterter Versorgung des Ungeborenen führen. Eine antibiotische Behandlung ist oft kontraindiziert, gegen erlaubte Alternativen haben Keime häufig Resistenzen gebildet.

Ein Aufenthalt in den Bergen bis 2500 m ist als unbedenklich anzusehen. Raucherinnen sollte allerdings von einem Aufenthalt in der Höhe mit körperlicher Aktivität abgeraten werden.

Sport- und Freizeitaktivitäten:

Grundsätzlich sind alle Ausdauersportarten bis zu einer mittleren Intensität zu befürworten. Hierbei sollte eine Herzfrequenz von 140 Schlägen/min nicht überschritten werden, um eine ausreichende Sauerstoffversorgung des Ungeborenen zu gewährleisten. Besonders gelenkschonend sind Sportarten, bei denen das Körpergewicht nicht oder nur teilweise getragen werden muss, wie z.B. Schwimmen oder Radfahren. Schwimmen ist besonders geeignet, da der erhöhte Wasserdruck (hydrostatischer Druck) die vermehrte Wassereinlagerung (Ödeme) im Gewebe verringert, indem ausgetretenes Gewebewasser wieder zurück in die Blutgefäße gepresst wird.

Auf alle Sportarten mit einer erhöhten Verletzungsgefahr sollte verzichtet werden, dies gilt in besonderem Maße für Ball- und Kampfsportarten, wegen der Gefahr von Tritten oder Schlägen gegen den Bauch.

Schwangere sollten nicht tauchen, um das Risiko einer Dekompressionserkrankung zu vermeiden.

Wer regelmäßig in die Sauna geht, muss darauf in der Schwangerschaft nicht verzichten. Wichtig ist die Einhaltung von verlängerten Ruhezeiten, mäßigen Temperaturen und die Aufnahme von genügend Flüssigkeit.

Sexualität in der Schwangerschaft

Bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft bestehen keinerlei Einwände gegen den Geschlechtsverkehr. Vorsicht ist lediglich bei gehäuften Fehlgeburten und vorzeitigen Wehen geboten. Die im Sperma enthaltenen Prostaglandine können Wehen auslösen. (Dieses kann man sich am Termin zu nutze machen. :-))

Lifestyle

Wer auf die Sonnenbank nicht verzichten kann, sollte sich vor Pigmentveränderungen hüten und im letzten Schwangerschaftsdrittel nicht mehr auf dem Rücken liegen (Vena-cava-Kompressionssyndrom).

Haare Färben: Hier treten nur geringe Mengen von Chemikalien in den Organismus über, dennoch sollte dies insbesondere in den ersten 12 Wochen vermieden werden. Alternativ kommen pflanzliche Mittel in Betracht. Im Zweifel informieren die ausgewiesenen Inhaltsstoffe der Hersteller über eine Unbedenklichkeit.

Auf Piercings und Tattoes sollte wegen des Infektionsrisikos verzichtet werden.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute und glückliche Schwangerschaft!
Ihre Dr. med. Gabriele von Villiez