Beratung bei Kinderwunsch von Frauen jenseits der 40.

Sie sind über 40 Jahre und in den meisten Fällen ist die Familienplanung längst abgeschlossen. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Frauen in dieser Zeit über ein (weiteres) Kind nachdenken. Wäre es nicht doch schön, das noch einmal zu erleben? Habe ich etwas verpasst?

Tatsache ist, dass sich der Kinderwunsch bei Frauen in Deutschland zunehmend in das höhere Alter verschiebt. Statistiken belegen das von Jahr zu Jahr steigende Durchschnittsalter der gebärenden Frau. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Längere Ausbildungszeiten und der Wunsch nach beruflicher Entwicklung sind nur ein Grund, der sofort ins Auge fällt.

Entscheidet sich für ein Paar um die 40 - 45 Jahre für (noch) ein Kind, liegen die Gründe zumeist im privaten Bereich. Eine neue Partnerschaft mag ein häufiger Grund sein. Andererseits kann sicher ein "Nachzügler" bei sonst gleichgebliebener Familienkonstellation für viele Eltern eine erstrebenswerte Bereicherung darstellen.

Wenn Sie sich in fortgeschrittenem Alter für eine Kind entscheiden sollten, werden Sie sich fragen, wie wahrscheinlich eine spontane, natürliche Schwangerschaft ist. Ab dem 40. Lebensjahr ist die spontane Schwangerschaftsrate mit 0,2 bis maximal 2 Prozent sehr niedrig. (Wer kein Kind haben möchte, sollte dennoch verhüten.) Deshalb fragen Frauen mit Kinderwunsch bald nach medizinischer Hilfe, die eine Schwangerschaft ermöglicht.

Hierbei gilt es drei unterschiedlichen Aspekte zu beachten, die in einem Beratungsgespräch bei Ihrem Gynäkologen zur Sprache kommen sollten:

  1. die Möglichkeiten und Grenzen einer Sterilitätsbehandlung
  2. die Erfolgschancen solcher Maßnahmen und
  3. die potentiellen, altersspezifischen Gefahren einer Schwangerschaft und Geburt.

Die Frage mit welcher Sterilitätsbehandlung bei der Frau ab 40 begonnen werden sollte, hängt wesentlich von der individuellen Vorgeschichte des Paares ab und lässt sich nicht allgemein beantworten. Tendenziell wird man jedoch eher geneigt sein, eingreifende Verfahren zu wählen, um eine realistische Chance auf eine Schwangerschaft zu erzielen. So rückt mit zunehmendem Alter die In-Vitro-Fertilisation in den Vordergrund.

Diese Überlegungen sollten auch das Ausmaß der Diagnostik beeinflussen. So unterscheiden sich die Abklärung einer ungewollten Kinderlosigkeit bei einer 30-jährigen und bei einer 40-jährigen Frau ganz erheblich. Grund ist eben die unterschiedliche therapeutische Vorgehensweise. Je älter die Patientin, desto zielorientierter sollte die Auswahl der diagnostischen Schritte sein, um nicht unnötig Zeit zu verlieren.

Dabei gibt es allerdings kein festes Schema. Jede Entscheidung hängt auch mit von dem Erfahrungshintergrund des behandelnden Gynäkologen ab. Deshalb ist es wichtig für ein betroffenes Paar, sich möglichst zügig an ein Zentrum für Reproduktionsmedizin zu wenden, das auch Erfahrungen im Umgang mit älteren Patientinnen hat.

Was die zweite Frage der "Erfolgsaussichten" angeht, kann man - in Anlehnung an die Daten des deutschen IVF- Registers - sagen, dass von einer Schwangerschaftsrate von ungefähr 15 Prozent bei der über 40 jährigen Frau ausgegangen werden kann. Jedoch ist das Risiko einer Fehlgeburt mit 30 Prozent bei einer 40 jährigen Frau und mit sogar 50 Prozent bei einer 45 jährigen Frau deutlich erhöht. Deshalb sollte man realistischerweise von einer Chance im Rahmen von etwa 5 bis 7 Prozent auf die Geburt eines Kindes ausgehen.

Sie sollten auch den nicht unerheblicher finanziellen Aspekt nicht vergessen. Jenseits des 40. Lebensjahres müssen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine IVF- Behandlung nicht übernehmen. Wenn eine solche Behandlung erfolgsversprechend ist, können sie die Kosten jedoch tragen. Hierbei ist aber nicht definiert was "erfolgsversprechend" bedeutet und es obliegt somit dem Ermessen des medizinischen Dienstes der Krankenkassen, was er darunter versteht. Oberhalb des 45. Lebensjahres dürfen die gesetzlichen Kassen die Kosten wegen zu geringer Erfolgsaussichten gar nicht mehr übernehmen. Sie tun also gut daran, sich zunächst bei Ihrer Krankenkasse nach der Kostenübernahme und anschließend bei dem IVF- Zentrum nach den entstehenden Kosten zu erkundigen. Diese können je nach Auswahl des Stimulationsverfahrens erheblich variieren und zwischen 2000 und 10.000 Euro und auch darüber liegen.

Bei den potentiellen, altersspezifischen Gefahren einer Schwangerschaft und Geburt sollte man zwischen Fehlbildungsrisiko und Schwangerschaftskomplikationen unterscheiden. Grundsätzlich steigt das Fehlbildungsrisiko mit steigendem Alter der Mutter. In erster Linie sei hier das Down- Syndrom genannt. Das Down-Syndrom kommt generell bei 1:600 bis 1:1000 Lebendgeburten vor. Bei einer 40 jährigen Frau steigt das Risiko auf 1:100, bei einer 45 Jährigen auf 1:20.

Bei den Schwangerschaftskomplikationen sind es in erster Linie eine Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie) und eine Zuckererkrankung (Gestationsdiabetes) die jenseits des 40 Lebensjahres deutlich gehäuft auftreten. Andere Untersuchungen weisen auch ein niedrigeres Geburtsgewicht und eine steigende Zahl von Frühgeburten aus. In jedem Falle steigt die Rate der Kaiserschnitte mehr als es dem Maß der zu erwartenden Komplikationen entspricht. Auch der Geburtshelfer wird also extrem vorsichtig sein. Diese Vorgehensweise ist aber meines Erachtens durchaus gerechtfertigt, wenn man das heute eher geringe Operationsrisiko bedenkt. Außerdem sind mögliche Folgen für nachfolgende Schwangerschaften nicht zu berücksichtigen, da man in diesem Fall davon ausgehen kann, dass Sie kaum weitere Kinder bekommen werden.

Soviel also zu der rein medizinisch- technischen Seite. Unerwähnt, aber letztlich auch in diesem Alter gar keine Seltenheit, ist die spontane und komplikationslose Schwangerschaft. Ob es sich für ein Kind nicht immer lohnt, diese Unwegsamkeiten in Kauf zu nehmen, können nur Sie selbst gemeinsam mit Ihrem Partner entscheiden.

Unerlässliche Voraussetzung hierzu ist jedoch eine umfassend medizinisch korrekte und ehrliche Beratung. Es freut mich, wenn ich hierzu ein Stück habe beitragen können.

 
Herzlichst,

Ihre Gabriele von Villiez